Wozu noch Programmierer? Eine Antwort, die ich mir selbst geben musste
Neulich, in einem Meeting, sagte ein Marketingleiter einen Satz, der mich kurz aus der Bahn geworfen hat:
„Wozu überhaupt noch Programmierer beschäftigen? Das macht doch alles die KI.“
Ich habe nicht sofort geantwortet. Nicht, weil ich keine Antwort hatte – sondern weil ein Teil von mir sich fragte, ob er nicht recht hat.
Die kurze Identitätskrise
Ich programmiere seit über 15 Jahren. TYPO3, PHP, Extbase, die ganze Bandbreite. Wenn jemand in einem Meeting so beiläufig meinen Beruf für überflüssig erklärt, trifft das etwas – auch wenn man weiß, dass es zu einfach gedacht ist.
Denn ja: Code zu schreiben ist heute schneller geworden. KI generiert Funktionen, schlägt Refactorings vor, findet Bugs. Vieles, wofür ich früher Stunden gebraucht habe, geht jetzt in Minuten. Das ist keine Bedrohung, das ist Fakt.
Aber der Satz des Marketingleiters verwechselt etwas: Er hält „Code schreiben“ für die eigentliche Arbeit. Das war sie nie.
Was eigentlich meine Arbeit ist
Ich bin nicht in erster Linie jemand, der Zeilen tippt. Ich bin Software-Architektin. Und das bedeutet etwas anderes:
Jemand muss das System als Ganzes verstehen. Nicht nur die einzelne Funktion, sondern wie Datenbank, Frontend, Schnittstellen, Sicherheit und Wartbarkeit zusammenspielen. KI sieht den Ausschnitt, den man ihr zeigt. Sie kennt nicht die Historie eines gewachsenen Systems, nicht die stillen Abhängigkeiten, nicht die Gründe, warum eine Altlast so ist, wie sie ist.
Jemand muss die Richtung vorgeben. KI ist ein extrem leistungsfähiges Werkzeug – aber ein Werkzeug ohne Ziel liefert Beliebiges. Die Entscheidung, welche Architektur trägt, welcher Ansatz in fünf Jahren noch wartbar ist, welches Risiko man eingehen kann und welches nicht: Das sind Urteile, keine Textvervollständigung.
Jemand muss die richtigen Fragen stellen. Ein guter Prompt ist kein Zufallsprodukt. Er entsteht aus Erfahrung – aus dem Wissen, welche Fehler typisch sind, welche Rückfragen wichtig sind, was eine KI-Antwort plausibel klingen lässt, obwohl sie falsch ist.
Die eigentliche Verschiebung
Der Beruf verändert sich nicht durch Wegfall, sondern durch Verschiebung. Weniger Zeit für das Tippen von Boilerplate-Code, mehr Zeit für Systemverständnis, Architekturentscheidungen und Qualitätskontrolle. Die Verantwortung wächst eher, als dass sie kleiner wird – denn am Ende steht immer noch jemand gerade, wenn das System versagt. Und das ist nicht die KI.
Was bleibt
Ich bin nicht die Person, die Code produziert. Ich bin die Person, die versteht, entscheidet und verantwortet, was gebaut wird – mit KI als Werkzeug, nicht als Ersatz. Der Satz im Meeting resultiert aus Nichtwissen und mangelnder Wertschätzung für meine Arbeit.
PS: Könnte man nicht eher Marketingleiter durch eine KI ersetzen? 😉